Vier

Vier

Mein letzter Eintrag liegt mittlerweile fast einen Monat zurück und mein Praktikum ist fast vorbei. Obwohl nächste Woche die Uni wieder losgeht, werde ich von Mittwoch bis Freitag noch im Praktikum sein um an einem besonderen Projekt teilzunehmen. Meine Praktikumseinrichtung wird in Kooperation mit verschiedenen anderen Kultureinrichtungen, einen vom Land geförderten 1-wöchigen Theater- und Sprachworkshop für benachteiligte Kinder ausrichten. Ich denke im Zusammenhang damit wird sich viel Stoff für das e-Portfolio ergeben. Darum berichte ich euch heute von meinen seit dem letzten Eintrag gemachten Erfahrungen.
Wie ich im Kapitel „Drei“ schon angekündigt hatte, war ich in Hamburg auf der Fortbildung für mehrere Schauspieler. Es war eine Fachberaterin für das Thema sexueller Missbrauch da, die die Spieler auf den neuesten Stand brachte was dieses Thema angeht. Dabei gab es natürlich auch viel Informationsbedarf über spezifische Situationen die den Spieler/innen passieren können oder schon passiert sind. Unter anderem wie man handeln soll, wenn ein Kind erklärt es sei misshandelt worden, aber nicht möchte, dass der/die Spieler/in die Information an irgendjemanden weitergibt, bzw. nur davon erzählen möchte, wenn der/die Spieler/in verspricht die Information weiterzugeben. Die Fachfrau riet dazu, dem betroffenen Kind das Versprechen zu geben, es in seiner Aussagemotivation zu bestärken und zu versuchen ihm zu vermitteln, dass es niemanden nutzt wenn der Missbrauch ein Geheimnis bliebe. Wenn das Kind trotzdem nicht wolle, dass die Information weitergegeben werde, sollen sich die Spieler/innen auf jeden Fall an das Versprechen halten. Die betroffenen Kinder würden schon genug Fremdbestimmung erfahren. Einen pauschalen Handlungsleitfaden für solche Situationen gibt es nicht. Vielmehr ist die wichtigste Information, dass man sich auch als derjenige an den das Geheimnis heran getragen wird, Hilfe suchen kann. Leider gab es nach dem Fachvortrag wieder nur relativ wenig Theater. Es wurden nur kleine Teile des Stücks und die Begrüßung vor dem Stück geprobt.
Eine Woche später war ich bei einer Veranstaltung die inklusiv ausgelegt war. In den Räumlichkeiten eines Osnabrücker Turnvereins sollte eine Gruppe von ca. 15 Kindern/Jugendlichen im Alter von 9 bis 14 Jahren Techniken zur Selbstbehauptung erlernen. Das besondere war die Zusammenstellung der Gruppe. Ungefähr die Hälfte der Teilnehmer hatte eine Behinderung. Diese Kinder hatten zum einen leichte geistige zum anderen leichte körperliche (Hören) Einschränkungen. Der erste Teil der Workshops wurde von uns gestaltet. Wir starteten mit aktivierenden Kennenlernspielen und machten dann Übungen bei denen die Kinder sich darstellen sollten. Dabei wurde erst mit kleinen Gesten nur für sich begonnen um schließlich mit dem Darstellen vor der gesamten Gruppe zu Enden. Man merkte den Teilnehmern an, dass sie sehr viel Spaß dabei hatten. Ein Schwerpunkt lag dem Thema folgend natürlich beim Darstellen von ausdrucksstarken Gesten. Der zweite Teil des Tages wurde von einem Trainer vom deutschen Karate Bund angeleitet. Er legte den Schwerpunkt eher auf das Einüben und Trainieren von Gesten auf der rein körperlichen, sportlichen Ebene. Ich hatte das Gefühl, dass den Kindern Teilweise der spielerische Charakter dabei fehlte. Dieser war bei unseren Ausführungen vorhanden und ließ einen ganz anderen Zugang zu.
Ich hatte außerdem das Glück zwei weitere Stücke zu sehen. Eins davon dient der Suchtprävention und ist ein Angebot für Schüler/innen ab der 8 Klasse. Das Andere möchte Grundschulkindern in den ersten beiden Klassen ein Gefühl für Selbstbestimmung vermitteln. Zwei vollkommen verschiedene Zielgruppen also. Das erste Stück durfte ich mit einer desinteressierten Gesamtschulklasse sehen. Das zweite mit drei begeisterten ersten Klassen. Da ich die Stücke zeitlich kurz hintereinander sah drängte sich mir die Frage nach dem Nutzen auf.

In der Gesamtschule wirkten die zwei Klassen die ich während der Aufführung beobachten durfte eingefahren und schwierig. Ihre Beteiligung war sehr dürftig und während im Stück auch das Thema Mobbing vorkam glaubte ich währenddessen die ersten Mobbingstrukturen in der Klasse ausmachen zu können. Es war sehr unruhig. In einem Gespräch mit einem der Spieler äußerte dieser sich trotzdem recht zuversichtlich. Die Schüler/innen würden sich die Informationen die von Belang für sie sind schon herauspicken.

Die Schüler/innen der Grundschule waren nicht minder unruhig. Jedoch weil sie sehr aufgeregt und engagiert am Spielgeschehen teilnahmen. Obwohl sie zunächst nicht dazu aufgefordert waren. Die Kinder waren so vertieft, dass sie im Stück gestellte Fragen direkt mit lauten Zurufen ins Forum beantworteten.

Diese direkte Gegenüberstellung soll die Zugänglichkeit der Schüler/innen verdeutlichen. Ich bin mir bewusst, dass keine der Klassen unbedingt repräsentativ sein muss. Außerdem können meine Beobachtungen durchaus einseitig sein und mit Sicherheit sind sie subjektiv. Aber ich denke die Annahme, dass ältere Schüler/innen in ihren Persönlichkeitsstrukturen schon weiter fortgeschritten und festgefahrener sind lässt sich nachvollziehen. Inwieweit lassen sich 14-jährige mit negativ auf sie einwirkendem familiär-sozialem Umfeld von dreimal 45 Minuten Theaterpädagogik beeinflussen? Ich male jetzt schwarz. Auch in den Klassen die ich besuchte gab es wahrscheinlich die Jugendlichen mit Voraussetzungen um positives mitnehmen zu können. Aber ich glaube gleichzeitig, dass ein großer Anteil mehr Bedarf hätte. Da können die Stücke nur Impulse geben. Impulse die bei Jugendlichen aus bestimmten Milieus nicht ankommen. Impulse die bei Kleinkindern auf formbareren, nahrhafteren Boden treffen.

Diese Ausführungen führen mich zu grundsätzlichen Fragen. Was kann Schule leisten? Was soll Schule leisten? Was für eine Gesellschaft wollen wir? Schließlich lässt sich die zukünftige Entwicklung eben dieser durch wenig mehr beeinflussen als durch unser Bildungssystem. Diese Fragen hier zu diskutieren ist nicht die Zeit und der Ort. Nur so viel: Immer wieder treffe ich mit solchen Überlegungen auf Leute die mich als Pessimisten bezeichnen. Im Verlauf dieses Eintrags merkte ich schon selber an, dass ich schwarz male. Doch ich versuche mir den kritischen Blick zu bewahren, während ich auch die positiven Entwicklungen wahrnehme. Ich glaube an die Relevanz solcher Anmerkungen und Kritik, denn Systeme wie unser Bildungssystem in seiner ganzen Komplexität neigen zur Trägheit und Erhaltung. Doch nur durch Arbeit und Impulse dazu, kann mit diesem institutionellen System das Leben von Menschen verbessert werden.

Ein weiteres Erlebnis war der Besuch eines Grundlagenworkshops für neue Spieler/innen. Wieder ging es um das Thema sexueller Missbrauch. Was außergewöhnlich war, waren die Diskussionen, die angeregt durch die Leiterin, zu Fragen der Deklarierung verschiedener Situationen aufkamen. Die Leiterin las mehrere Texte vor in denen Situationen beschrieben wurden aus denen nicht klar hervorging ob es sich dabei um sexuellen Missbrauch handelte oder nicht. Beispiel: Ein Vater gibt seinem 10-Jährigen Sohn beim Verabschieden einen Kuss auf den Mund. Danach sollten sich die Teilnehmer/innen soziometrisch aufstellen und somit kundtun ob sie glauben, dass dies sexueller Missbrauch sei. Es gab bei allen Fragen, trotz vorher vorgestellter Definition von sexuellem Missbrauch ein breites Meinungsspektrum. Es konnte anhand keiner der Texte erkannt werden ob z.B. Zwang ausgeübt wurde. Individuelle Erfahrungen spielten außerdem eine große Rolle bei der Entscheidung. So konnte ein Vater davon berichten, dass sein 9-jähriger Sohn regelmäßig ohne sein zu tun auf den Mund küsse. Andere Teilnehmer berichteten davon ihre Eltern früher niemals auf den Mund geküsst zu haben. Dem entsprechend vermuteten einige in einer Situation wie der oben beschriebenen eine Art von sexueller Gewalt. Das ganze machte die Schwierigkeit von Definitionen klar. Jede Situation muss letztlich individuell bewertet werden und bedarf oft genauerer Informationen.

Als letztes möchte ich euch von einer Theaterprobe berichten. Eine neue Spielerin musste das erste Mal ein Stück proben und ich durfte als Regieassistenz helfen. Der Spielpartner spielt das Stück schon länger, ist also erfahren. Darum lag das Hauptaugenmerk auf der neuen Schauspielerin. Am Anfang machten wir ein paar Lockerungsübungen um sich Kennenzulernen. Vor allem die beiden Spieler sollten ein Gefühl für den anderen bekommen. Deshalb machten sie danach eine Übung bei der sie Sich gegenüber sitzen und sich spiegeln sollten. Das heißt, zunächst machte der eine, dann der andere Bewegungen vor, die dann das Gegenüber zeitgleich nachmachen sollte. Zuletzt gab der Spielleiter vor, dass sich die Führung im Prozess finden und immer wieder wechseln sollte, ohne dass wir es von außen merken sollten. Dann ging die eigentliche Probe los. Gestaffelt nach den einzelnen Szenen gingen wir innerhalb dieser immer wieder ins Detail. Ein teilweise sehr kleinschrittiger Prozess, weil es so viele verschiedene Ebenen gibt die beim Theater machen wirken. Raum, Körper, Stimme. Natürlich brauchte die Schauspielerin auch einfach weitergehende Informationen um sich den Aufbau und die Ambitionen des Stückes erschließen zu können. Das ganze ließ mich erkennen wie vielschichtig Theater ist und wie viel Arbeit es ist um gutes Theater entstehen zu lassen. Die Theaterarbeit, der künstlerische Prozess wirkte auf mich sehr reizvoll. Es ist eine sehr eindrucksvolle Art um etwas auszudrücken.

In Bezug auf meine Leitfrage erhöht das letztbeschriebene natürlich meine Skepsis gegenüber dem eingeschlagenen Weg zum Lehrer. Es gibt so viele interessante Berufe. Auch im Theaterbereich. Ich werde die Zeit nach dem Bachelor, den ich im nächsten Semester machen werde, auf jeden Fall dazu nutzen um mich zu orientieren und mich vertiefend der Frage zu widmen was ich in Zukunft machen möchte.

Mit fröhlich-skeptischen Grüßen

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