Drei

Drei

Endlich wieder Nachrichten. Die freie Woche wird nicht so frei wie gedacht, doch dafür tuen sich ungeahnte Möglichkeiten auf. Am Samstag werde ich für einen Tag mit zwei Spielleitern/Theaterpädagogen nach Hamburg fahren um mit zwei Schauspielteams bzw. 8 Personen auf ein Stück hin zu arbeiten. Die Teams haben das Stück schon öfter gespielt, deshalb weiß ich nicht wie das ganze konkret aussehen wird. Ich bin aber sehr gespannt und hoffe, dass ich möglichst stark in die Arbeit involviert werde und nicht nur zuschauen darf. Ich werde davon berichten.

Wovon ich euch schon beim letzten Eintrag erzählen wollte, ist der Start des im ersten Eintrag schon erwähnten Erziehungsstück für Eltern. Dieses Stück ist ein gerade erst angelaufenes Projekt, in dem es um verschiedene Fragen zum Leben mit und Erziehen von Kleinkindern geht. Konkret wurde das Stück nach einer ca. 1 ½  jährigen Entwicklungsphase mittlerweile ca. 6 Mal aufgeführt. Es befindet sich somit noch in der Pilotphase. Bei den bisherigen Auftritten, die bisher fast ausschließlich in Kindergärten o.ä. stattfanden, wurde eine Evaluation in Form eines von den Eltern und Erziehern auszufüllenden Fragebogens durchgeführt. Bei der Auswertung war ich dabei und konnte mich mit den anderen über ein insgesamt positives Feedback freuen.

Das Stück beinhaltet mehrere typische Szenen des Erziehungsalltags. Durch Charme und Witz werden schwere Situationen greifbar gemacht und durch unterschiedliche Ansätze verschieden gelöst. Es bietet keine fertigen Lösungen, sondern möchte eher zum Hinterfragen und Austauschen anregen. Darum gibt es auch hier, ganz in der Tradition der anderen Stücke meiner Praktikumseinrichtung, interaktive Passagen, durch die auch kommunikative Momente zwischen den Eltern entstehen sollen.

Ich habe zwei Vorstellungen gesehen und fand es, obwohl ich keine Kinder habe, sehr amüsant und anregend. Ich spürte außerdem, wie groß das Bedürfnis nach Austausch vorhanden war. Zumindest nach dem sich die Eltern nach vorheriger Ängstlichkeit, langsam immer mehr zugetraut haben. Auch, weil sie gemerkt haben, dass bei Vielen ähnliche Probleme vorhanden sind und durch die humorvolle  Herangehensweise. Trotzdem war eine grundlegende Voreingenommenheit vieler Eltern zu bemerken. Ich denke, dass die Eltern die zu solchen Veranstaltungen kommen schon zu den Aufgeschlosseneren zählen. Die, die es vielleicht nötiger hätten bleiben vermutlich eher fern. Dem entsprechend ist die Beantwortung der Frage nach der Bereitschaft zu einem Elterntraining auf dem Evaluationsbögen eher durchschnittlich ausgefallen.

Ich finde es erschreckend wie verschlossen einige Eltern sich gegenüber Beratung und neuen Einflüssen zeigen. Das zeugt von einem abgeschlossenem Selbstverständnis, welches nicht dazu lernen möchte und genau das Gegenteil von dem ist was ich einen erwachsen, also (selbst)reflexiven und offen Menschen nennen würde.

Ein weiteres interessantes Erlebnis von dem ich euch noch kurz erzählen möchte, war der heutige Tag. Ich besuchte eine Vorstellung von dem Stück auf dessen Probe ich am Samstag nach Hamburg fahren werde. Das Stück handelt von sexueller Gewalt unter Jugendlichen und wurde heute das erste Mal vor Schüler/innen einer Förderschule für geistig Behinderte Menschen aufgeführt. Das Stück benutzt zum Teil sehr direkte, ordinäre Jugendsprache. Das Publikum hat viel gelacht. Nach der Aufführung ging es in die Schule und ich durfte mir einen Workshop anschauen den die Schauspieler/innen mit den Schüler/innen gemacht haben. Dabei waren in meiner, von den Lehrer/innen so eingeteilten Gruppe 6 „halbstarke“, pubertierende Jungs im Alter von 13 bis 15 Jahren. Auf der einen Seite waren die Jungs sehr kommunikativ und offen, auf der anderen Seite fiel es dem Schauspieler schwer die eigentlich angedachte Workshop-Struktur umzusetzen. Wie viel Einfluss ausgeübt werden konnte ist außerdem fraglich, da wir leider feststellen mussten, dass ein Junge es z.B. nicht verstanden hat, dass in dem Stück eine Vergewaltigung stattgefunden hat, weil sie nur im „Off“ dargestellt wurde, heißt nicht visuell sichtbar. Inwieweit muss solch ein Stück noch weiter modifiziert werden um es vor einem reinen Förderschulpublikum spielen zu können?

Um nun endlich meine Leitfrage ausformulieren zu können, möchte ich euch von einem Gespräch und einer generellen Beobachtung berichten.

Das Gespräch, welches ich mit meinem Chef führte, nahm seinen Anfang, nachdem er mir ein Buch vorstellte. Das halb dokumentarisch, halb dramatisch geschriebene Buch handelt von einem Mord, den drei Jugendliche mit rechtsextremem Hintergrund im Jahr 2002 an einem Kumpel begangen haben. Es  versucht die Hintergründe der Tat zu beleuchten. Es sind Biographien der Täter und Auszüge aus den nach der Tat geführten Verhören abgedruckt. Ich lese es gerade. Der Name ist „ Der Kick“ von Andres Veiel. Ich habe es noch nicht zu Ende gelesen, doch das ist für die Formulierung der Leitfrage nicht wichtig.

Das Gespräch ist das wichtige. Es ging um die Frage nach dem freien Willen. Höchstphilosophisch. Höchstfragwürdig. Obwohl die Täter alle ihre eigene Geschichte mit Gewalterlebnissen oder schweren familiären Verhältnissen oder beidem und noch mehr haben, meinte mein Gegenüber, die Tat letztlich doch auf so etwas wie den freien Willen zurückführen zu können und zu müssen. Da sei eine bewusste, klare Entscheidung getroffen worden. Die Täter haben sich aus freien Stücken dazu entschieden den anderen Jungen auf brutalste Weise zu ermorden. Ohne von ihrer Vergangenheit beeinflusst worden zu sein. Denn das wäre ein freier Wille. Wie ihr vielleicht heraus hört, traue ich dem freien Willen nicht.

Aber es soll hier nicht um diese wichtige Frage gehen, obwohl ich gerne Kommentare, Meinungen und Wahrheiten von euch dazu lesen würde. Worauf ich eigentlich hinaus will (ja, ich will) ist, dass mein Chef, da wo ich zweifle, zutiefst von etwas überzeugt gewesen ist. Von der Klärbarkeit der Schuld. Diese Frage ist sehr brisant, doch für mich war in dem Moment wichtiger zu erkennen, dass er in Bezug auf die Thematik die er durch seine Arbeit behandelt, einen klar definierten Standpunkt hat. Natürlich bin ich dagegen, dass irgendeinem lebenden Wesen Leid zugefügt wird, z.B. durch sexuellen Missbrauch, aber es fällt mir schwer mich selbst  in diesem Zusammenhang von einem stark vereinfachenden, eindimensionalem Täter-Opfer-Schema überzeugen zu lassen. Wie sehr benötigt man jedoch solche Vereinfachungen und Strukturierungen unserer immer komplexer werdenden Welt auch im pädagogischen Alltag? Wo sind sie sinnvoll, wo nicht?

Die generelle Beobachtung, die uns weiterführt zur Leitfrage, hat mit dem Engagement der in meiner Praktikumsstelle tätigen Menschen zu tun. Zumindest die in der Zentrale sitzenden Theaterpädagogen sind sehr engagiert, wirken oft gestresst und stehen voll hinter den von Ihnen gesteckten Zielen. Zum Teil habe ich das Gefühl, das auch Ihr Glück von dem gelingen Ihrer Arbeit abhängt. Vielleicht nicht im Großen, so doch im Kleinen und somit dann doch auch wieder im Allgemeinen. Sie bringen Leidenschaft mit.

Aus diesen zwei Ausführungen leitet sich für mich meine persönliche, zukunftsorientierte Leitfrage ab.

Bin ich bereit mein Wohlergehen, mein Glück von etwas abhängig zu machen bzw.  mein Leben mit etwas zu verbringen, von dem ich vielleicht nicht wirklich überzeugt bin oder was ich zumindest noch nicht vollends durchblickt habe?

Ich lasse das jetzt erst einmal so stehen. Oder?

Ich denke weiter darüber nach oder auch nicht und wünsche euch bis zum nächsten Eintrag mehr Licht.

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